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Hirntumoren: Gewebestammzelle wird zur Tumorstammzelle - Schlüsselmolekül für die Krebsentstehung entdeckt
Wissenschaftler aus dem Deutschen Krebsforschungszentrum wiesen zum ersten Mal nach, dass bösartige Hirntumoren direkt aus Hirn- Stammzellen entstehen. Das Protein Tlx sorgt im erwachsenen Gehirn dafür, dass aus Gewebe-Stammzellen neue Nervenzellen entstehen. Zuviel Tlx regt bei Mäusen die Bildung bösartiger Hirntumoren aus Hirn- Stammzellen an. Auch beim Glioblastom, dem bösartigsten Hirntumor des Menschen, spielt Tlx eine Rolle. Mit Tlx ist daher erstmalig ein möglicher Angriffspunkt für zielgerichtete Therapien gegen das gefährliche Glioblastom entdeckt.
Die "Wiege" neuer Nervenzellen im erwachsenen Gehirn ist gut
bekannt: Es ist die so genannte subventrikulare Zone, eine
Gewebeschicht entlang der seitlichen Hirnkammern. Hier sind die
neuralen oder Hirn- Stammzellen angesiedelt, die im Bedarfsfall für die
Bildung neuer Nervenzellen sorgen. Die subventrikulare Zone gilt lange
schon auch als Keimzelle für eine bestimmte Art bösartiger Hirntumoren
- die Gliome, deren gefährlichster Vertreter das Glioblastom ist.
Wissenschaftler aus den Abteilungen von Professor Dr. Günther Schütz
und Professor Dr. Peter Lichter im Deutschen Krebsforschungszentrum
zeigten kürzlich bei Mäusen, dass Hirn-Stammzellen in der
subventrikularen Zone durch ein bestimmtes Molekül gekennzeichnet sind:
Das Protein Tlx, ein so genannter Transkriptionsfaktor, regt die
Aktivität verschiedener Gene an. Beim erwachsenen Tier wird Tlx
ausschließlich in Hirn-Stammzellen gebildet. Schalteten die
Wissenschaftler Tlx aus, so ließen sich keine Stammzellen im Gehirn
mehr nachweisen und die Neubildung junger Nervenzellen versiegte. Das
Funktionieren der Stammzellen ist offenbar von der Anwesenheit dieses
Proteins abhängig.
In ihrer neuen Studie machten die Teams von Günther Schütz und Peter
Lichter gemeinsam mit Professor Dr. Guido Reifenberger, Universität
Düsseldorf, nun die Gegenprobe: Was passiert, wenn die Tlx-Produktion
gesteigert wird? Durch einen molekularbiologischen Trick veranlassten
die Forscher die Hirn-Stammzellen von Mäusen zur
Tlx-Überproduktion.
Die Folge war, dass die Zellteilungsaktivität in der subventrikulären
Zone anstieg, die Zellen ihre angestammte Umgebung, die so genannte
Stammzellnische, verließen und Glioblastom-ähnliche Gewebeveränderungen
ausbildeten. Schalteten die Wissenschafter zusätzlich noch das Protein
p53 als wichtigste Krebsbremse experimentell aus, so entstanden aus den
Krebsvorläufern invasiv wachsende Glioblastome.
Darüber hinaus entdeckten die Wissenschaftler, dass Stammzellen mit
gesteigerter Tlx-Produktion die Gefäßneubildung anregen. Dies
ermöglicht den Zellen, in weiter entfernte Bereiche des Gehirns
einzuwandern und so das typische korallenstockartige Wachstum des
Glioblastoms zu erzeugen.
"Wir erkennen Hirn-Stammzellen spezifisch an ihrer Tlx-Produktion. Wenn
wir diese ankurbeln, verwandelt sich die Gewebe-Stammzelle in eine
Krebs-Stammzelle, aus der bösartige Glioblastome entstehen - daher
können wir nun erstmals die Hirn-Stammzellen direkt für die Entstehung
von Hirntumor-Stammzellen verantwortlich machen", erklärt Günther
Schütz.
Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass sie auf der Basis dieser
Ergebnisse aus der zellbiologischen Grundlagenforschung neue Therapien
gegen das gefährliche Glioblastom entwickeln können. Tlx scheint nicht
nur im Mäuse-Gehirn eine verhängnisvolle Rolle zu spielen: Im
Tumorgewebe von Glioblastom-Patienten entdeckten Lichter und
Reifenberger, dass das Tlx-Gen häufig vervielfältigt ist und daher mehr
Tlx-Protein gebildet wird. "Offenbar sind auch beim Menschen die
Hirntumor-Stammzellen auf Tlx angewiesen. Daher können wir nun
versuchen, Therapien zu entwickeln, die sich ganz spezifisch gegen
Tlx-produzierende Zellen richten", beschreibt Schütz die nächsten
Schritte. Mit den Mäusen, deren Hirnstammzellen zuviel Tlx produzieren,
steht ihm ein ideales Modellsystem für solche Untersuchungen zur
Verfügung.
Originalpublikation:
Hai-Kun Liu, Ying Wang, Thorsten Belz, Dagmar Bock, Andrea Takacs,
Bernhard Radlwimmer, Sebastian Barbus, Guido Reifenberger, Peter
Lichter und Günther Schütz: The nuclear receptor tailless induces
long term neural stem cell expansion and brain tumor initiation.
Genes & Development, 1. April 2010
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Quelle: Deutsches Krebsforschungszentrum
